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Warum du deinen Roman nicht fertig schreibst

Es beginnt meistens ziemlich großartig.

 

Du hast plötzlich diese Idee.Nicht nur einen Gedanken. Eher ein Gefühl mit Eigenleben. Eine Figur taucht auf. Ein Konflikt. Eine bestimmte Atmosphäre. Vielleicht ein Satz, der sofort nach Roman klingt und nicht nur nach „Notizbuch mit Ambitionen“.

 

Plötzlich ist alles da. Vor allem die pure Lust aufs Schreiben! "Yeah! Dieses Mal wird es was!"

 

Du denkst beim Kochen darüber nach. Beim Einschlafen. Im Supermarkt zwischen Dosentomaten und Hafermilch. Die Geschichte wirkt lebendig. Fast magnetisch. Das hat Energie! 

 

Und genau deshalb passiert dann etwas Erstaunliches: Du gehst davon aus, dass die Idee dich trägt, von Anfang bis Ende, vom ersten Satz bis zur Veröffentlichung. Und dass sich das eine aus dem anderen ergeben wird. 

 

Viele Romanprojekte leben monatelang von ihrer Anfangsenergie. Und das funktioniert eine Weile erstaunlich gut. Man schreibt Szenen. Dialoge. Neue Kapitel. Die Figuren bekommen Lieblingsessen und komplizierte Familiengeschichten. Irgendwo taucht plötzlich ein Nebencharakter auf, der sich aufführt, als hätte er Anspruch auf ein eigenes Spinoff.

 

Es passiert also durchaus etwas.

 

Nur leider oft nicht das Entscheidende: Die Geschichte entwickelt keine Richtung. Das merkt man meistens nicht sofort,, schließlich fühlt sich alles so euphorisch an. Du bist im Flow. Wer sollte da an Scheitern denken. Doch auf die Frage, wie es weitergeht, hast du keine klare Antwort - und findest das auch richtig so. 

 

„Ich entdecke die Geschichte eben beim Schreiben.“ Das klingt literarisch.

Und manchmal stimmt es sogar.

 

Und dann kommt doch wieder dieser Moment, von dem du gedacht hast, dass es den dieses Mal nicht geben wird.

Es hakt. Es klemmt. Du hast keine Lust zu schreiben. Du verhedderst dich in deiner Geschichte. Deine Sprache stolpert dahin, als hättest du nie einen schönen Absatz geschrieben.

Die Luft ist nicht raus, aber der Spaß hat irgendwie nachgelassen. 

 Die Szenen verbinden sich nicht mehr richtig. Die Geschichte zerfasert. Neue Einfälle führen nur bis zur nächsten Seite. Und irgendwann sitzt man vor dem Manuskript wie vor einer Gruppe Menschen, die alle gleichzeitig reden und du kapierst überhaupt nicht, worum es eigentlich geht.

 

An diesem Punkt denken viele: Die Idee war wohl doch nicht gut genug.

 

Stopp! Halt! Das ist nicht dein Problem. 

 

Vermutlich war die Idee voll in Ordnung. Du hast sie nur nicht richtig vertieft. Denn interessante Ideen und tragfähige Geschichten sind nicht dasselbe. Eine gute Idee erzeugt Spannung. Eine tragfähige Geschichte erzeugt Bewegung. Das ist ein Unterschied. Viele Autorinnen starten mit etwas, das emotional stark ist: eine Dynamik, ein Verlust, eine Figur mit Wucht. Aber sie fragen erstaunlich selten: Was verändert sich hier eigentlich? 

 

Der Gamechanger ist also: 

Nicht: Was passiert alles?

Sondern: Worauf läuft das hinaus?

 

Das Problem ist nämlich: Geschichten bewegen sich nicht automatisch, nur weil man viel schreibt. Man kann 200 Seiten produzieren und trotzdem narrative Kreisbewegungen machen. Dann reden Figuren zum fünften Mal über denselben Konflikt. Es passieren Dinge, die kurzfristig interessant wirken, aber nichts anschieben. Neue Wendungen werden eingebaut wie zusätzliche Regale in einen Raum, der eigentlich einen Ausgang bräuchte.

 

Und irgendwann verliert man die Lust. Echt nachvollziehbar. Denn Menschen verlieren oft genau dann Energie, wenn sie keine Richtung mehr spüren. Nicht nur beim Schreiben übrigens. Deshalb hilft es manchmal, das eigene Romanprojekt nicht sofort zu fragen: „Ist das gut genug?“ Sondern eher: „Weiß diese Geschichte eigentlich schon, wohin sie will?“

 

Das bedeutet nicht, alles durchzuplotten.
Es geht nicht um Excel-Tabellen mit Kapitelnummern und emotionaler Farbskala (obwohl das auch nicht schlecht ist!).

 

Geschichten brauchen meistens irgendwann eine Form von innerer Bewegung. Einen Zug. Etwas, das stärker ist als einzelne schöne Szenen. Sonst entsteht leicht dieses eigenartige Manuskriptgefühl: sehr viel Material, aber keine Entwicklung.

 

Und genau dort stranden erstaunlich viele Romane.

 

Nicht am fehlenden Talent. Nicht an mangelnder Disziplin. Sondern an einer Geschichte, die nie wirklich ausgerichtet wurde. Das ist übrigens auch der Grund, warum neue Ideen (Plot Bunnys) plötzlich so verführerisch wirken.

 

Neue Ideen haben noch Zukunftsenergie. Die alte Geschichte dagegen fühlt sich inzwischen an wie Wandern ohne Zielmarkierung.

 

Natürlich klingt der neue Einfall dann frischer. Er hat ja auch noch keine Gelegenheit gehabt, sich zu verlaufen. Vielleicht lohnt es sich deshalb manchmal, nicht sofort das Projekt zu wechseln. Sondern stehenzubleiben und die unangenehmere Frage zu stellen:

 

Worum geht es hier eigentlich wirklich?

 

Und warum genau diese Geschichte?

 

Nicht perfekt beantworten. Nicht endgültig. Aber klar genug, damit aus Szenen langsam Bewegung werden kann. Denn ein Roman braucht nicht nur einen starken Anfang. 

 

Er braucht eine Richtung, die ihn trägt, wenn der Zauber des Anfangs verblasst und die eigentlich Arbeit beginn. 

Und die findest du INDEM DU AUF IHR ENDE SCHAUST! 

 

Als Autorin bist du nicht der Fahrgast in einem Zug, der durchs Gebirge kurvt und sich von jeder neuen Aussicht verzaubern lässt. Du bist die Herrscherin über den Streckenplan! 

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